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Artikel "Richtig Reiten mit dem Springausbilder Marcus Wenz aus Sersheim und seinem Sohn Lucas" aus dem Reiterjournal, August 2020

Marcus Wenz (54) stammt aus Sersheim bei Heilbronn, wo er auf dem Hof seiner Eltern aufgewachsen ist. Auch seine Schwester Kerstin und sein Bruder Holger sind Berufsreiter. Seine Pferdewirt-Ausbildung absolvierte er im Land bei Olaf Nowak, der damals Dressur- und Springen bis zur höchsten Klasse ritt, trainierte aber auch bei Walter Stein und Gerd Müller. Nach einer Zeit bei der Sportkompanie in Warendorf ritt er eine zeitlang in den USA, dann am Stall von Dirk Hauser im Saarland, dann wechselte er für lange Zeit an einen Turnierstall in Wallau bei Wiesbaden. In dieser Zeit ritt er einige Nationenpreise. Seit zehn Jahren ist der Pferdewirtschaftsmeister Marcus Wenz Nationaltrainer für Luxemburg und Equipe-Trainer für Belarus; er hat zahlreiche Schülerinnen und Schüler in anderen Ländern, zum Beispiel in Thailand und den USA. Vor einem Jahr ist Marcus Wenz auf die heimische Reitanlage in Sersheim zurückgekehrt, um sich dort einen Ausbildungs- und Turnierstall aufzubauen. Seit Anfang des Jahres unterstützt ihn sein Sohn Lucas (22), der ebenfalls Berufsreiter ist und zuvor am Stall von Andreas Kreuzer im Münsterland als Bereiter tätig war. Marcus Wenz will in Sersheim ein Trainingszentrum für junge Springreiter aufbauen.

Balance und Gleichgewicht
Pferde springen so gut, wie sie darauf vorbereitet sind. Das gilt für die Ausbildung des Pferdes genauso wie für Dressurarbeit in der Springstunde, bevor das erste Hindernis angeritten wird. Dabei sind Balance, Rhythmus und Gleichgewicht für mich die wichtigsten Kriterien für die Losgelassenheit eines Springpferdes. Wir reiten in diesem Sinne sehr viel dressurmäßig, fast jeden Tag. Im Mittelpunkt stehen Übergänge von einer Gangart in die andere, denn diese fordern dem Pferd Reaktion und Durchlässigkeit ab. Vor allem aber auch Tempounterschiede im Galopp, denn das brauche ich ganz besonders im Parcours.

Wichtige Übungen
Es gibt Lektionen und Übungen, die sind für ein Springpferd besonders wichtig. Dazu zähle ich Schenkelweichen im Schritt und Trab, es fordert Schenkelgehorsam und verbessert die Geschmeidigkeit in den Wendungen. Wichtig ist dabei, dass der Reiter betont mit dem inneren Schenkel an die äußere Hand herantreibt. So kann der Reiter mit der inneren Hand weich werden, um zum Beispiel deutlich den Galoppsprung herauszulassen. Grundsätzlich ist es immer wichtig, dass der Reiter sein Pferd locker reiten kann und nicht so sehr unter Druck setzen muss.

Am Zügel oder nicht?
Wenn ich in Luxemburg trainiere, treffen dort die französische und die deutsche Art zu reiten, aufeinander. Den Franzosen ist es meistens egal, ob ihr Pferd am Zügel geht. Die meisten deutschen Reiter legen hingegen Wert darauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, es ist nicht so wichtig. Unsere Pferde zuhause gehen am Zügel, weil wir es so gelernt haben. Aber ich kenne genug Pferde, die sind ausbalanciert, durchlässig und losgelassen, ohne dass sie am Zügel gehen. Sie geben über dem Sprung auch den Rücken her. Das würde ich vom Pferdetyp und bewusst ein paar Sprünge vorwärts - aber nur, um das Pferd wieder rechtzeitig vor dem der Art des Reitens abhängig machen. Viel wichtiger ist, dass sie leicht auf die treibende und annehmende Hilfe reagieren.

Am Galopp arbeiten
Jeder Springreiter muss das Ziel haben, den Galopp seines Pferdes zu verbessern. Wenn sich der Galopp verbessert, verbessert sich auch das Springen. Das sollte schon in der dressurmäßigen Arbeit passieren. Bei den Übergängen zwischen Trab und Galopp sollte der Reiter daher darauf achten, dass schon der erste Galoppsprung deutlich bergauf gesprungen wird. Man nimmt den Trab etwas auf, fordert bereits eine gewisse Versammlung und galoppiert dann aus dieser Körperspannung mit weicher innerer Hand an; das wiederholt man einige Male, so wird das Pferd gefordert, mit dem inneren Hinterbein weit unterzuspringen und Last aufzunehmen. Der äußere Zügel hält dabei die Verbindung, daran kann sich das Pferd ein bisschen aufrichten. Der erste Galoppsprung aus dem Trab sollte nicht zu groß aber gut bergauf und engagiert sein.
Dann sind Tempounterschiede im Galopp eine gute Übung zur Galoppverbesserung. Wichtig ist dabei, dass auch der Reiter mit seiner Körperspannung arbeitet. Wenn er das Pferd aufs Hinterbein setzt, richtet er sich selbst auf, nimmt die Schulterblätter zurück und stellt diese Körperspannung her. Die Wade bleibt dabei am Pferd. Wenn die Galoppsprünge erweitert werden, geht der Oberkörper wieder ein bisschen nach vorne. Diese Tempounterschiede sowie den Wechsel zwischen Spannung und Entspannung brauche ich auch später im Parcours.

Körperspannung übertragen
Diese Übung setzt sich auch fort, wenn wir über die ersten kleinen Sprünge reiten, am besten auf der gebogenen Linie, das gymnastiziert ein Pferd zusätzlich, wie hier bei der sechsjährigen Colorit/Cento-Tochter Colina. Beim Anreiten des Sprunges richtet sich der Reiter ein bisschen auf und überträgt seine Körperspannung auf die des Pferdes, dadurch schließt sich das Pferd zum Sprung, galoppiert geschlossener und lernt, „durch den Körper“ zu springen, wie wir sagen. Dadurch bleibt es auch im Rhythmus.
Nach dem Sprung galoppieren wir wieder nächsten Sprung zu schließen. Natürlich muss der Reiter dazu ein Gefühl entwickeln und dieses Schließen durch ein Herantreiben an die Hand und die Einwirkung der Gewichtshilfe herstellen – nicht durch Ziehen am Zügel! Wenn das Pferd vorm Sprung „auseinander fällt“, wie wir sagen, gehen Rhythmus und Körperspannung verloren. Dieses Schließen hin zum Sprung begleitet uns durch einen ganzen Parcours. Mit Körperspannung und einer guten Galoppade kann der Absprung auch mal etwas weiter oder dichter werden. Wenn der Galopp gut ist, stimmen auch die Distanzen. Noch ein Tipp: Eine Absprunghilfe, also eine Stange etwa 20 Zentimeter vor dem Sprung, hilft dem Pferd, die richtige Distanz zu finden.

Mit In-Outs und Reihen helfen
Bei sehr großen Pferden wie diesem achtjährigen Wallach Chandon de Blue (von Chacco Blue im Besitz von Markus Riel) helfen Gymnastikreihen dabei, das Pferd zu schließen. Passend sind In-Outs mit einem Drei-Meter-Abstand und Reihen für einen Galoppsprung von sechs Metern. Der Reiter sollte aus einem geschlossenen Galopp gefühlvoll in die Reihe hineinreiten und nicht zu viel Druck machen. Das Pferd muss selbst hinschauen und sich aufnehmen. Wichtig: Wie vorhin beim Einzelsprung dazwischen immer wieder einige Galoppsprünge nach vorne fordern, um dann das Pferd wieder vor der nächsten Übung zu schließen.

Volten nutzen
Wenn das Pferd anfangs Schwierigkeiten hat, sich zu schließen, sind Volten im Galopp ein gutes Mittel. Denn darin muss sich das Pferd, ohne dass der Reiter eine energische Hilfe einsetzen müsste, aufnehmen und schließen. Auch dabei kann man die Tempiunterschiede gut herausarbeiten und das Pferd in der Durchlässigkeit verbessern.

Parcours üben
Aus diesen ganzen Übungen und Ausbildungszielen ergibt sich praktisch unser Übungsparcours, der immer wieder das Schließen des Pferdes vor dem Hindernis erfordert. Wir wechseln dabei zwischen langen Wegen, auf denen der Reiter freier galoppieren soll und den Distanzen und Einzelsprüngen, vor denen der Reiter wieder die Körperspannung von Reiter und Pferd herstellen muss. Dadurch erhält der Reiter den ganzen Parcours über ein aufmerksames Pferd mit engagierter Galoppade. Wenn er zuvor gut trainiert hat, wird sich sein Pferd zum Sprung hin ohne Kampf schließen lassen. So wird der Parcours gelingen.

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